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DIGITAL VIDEO                  > Short Cuts

Herumhängen als Methode

Der Schweizer Filmemacher Thomas Imbach und sein Kameramann Jürg Hassler bewiesen mit Well Done eine eigenwillige Arbeitsweise. Jetzt haben die beiden in DV (Digital Video) ein neues, ihnen angemessenes Werkzeug entdeckt.

Christian Iseli

Sie arbeiten mit den jeweils neuesten kleinen Dingern, die gerade erhältlich sind und ein genugend gutes Bild hervorbringen. Beim letzten Film "Well Done" waren es verschiedene Hi8-Camcorder und beim neuen Projektl das in der Postproduktionsphase steht, kam die digitale Handycam hinzu. Fur Thomas Imbach und seinen Kameramann Jurg Hassler sind die Mini-Camcorders genau das richtige Arbeitsinstrument fur Dokumentarfilme, die dem "Puls der Zeit auf der Spur" sein wollen. Die Bilder der kleinen Kameras lassen sie in ihren Filmen ganz gross werden: Transferiert auf 35mm und ergänzt mit Super16 oder 35mm-Filmaufnahmen sind sie für die Projektion im Kino bestimmt. Und das bisher mit Erfolg.

"Die innovativste Technik wird im Amateurbereich entwickelt: handy, steady, auto". So lautet eine der grundlegenden Thesen des verschworenen Duos aus Zürich, die mit dem Film "Well Done" über Menschen im heutigen HighTech-Büroalltag international Beachtung fanden und erstaunliche Kinoeinspielergebnisse erzielt haben. Ihre Thesen (vgl. unten), die sie lieber mit dem Wort "Short Cuts" (Abkürzungen) umschreiben, haben Imbach und Hassler fur ein Dokumentarfilm-Seminar der Stiftung Focal zusammengestellt und sind dabei auch zu weniger offensichtlichen Einsichten gekommen: "Habe keine Angst bei laufender Kamera einzuschlafen'' heisst ein weiterer Grundsatz. Imbach und Hassler wollen sich mit ihrer Arbeitsmethode vom "Mythos der Professionalität" (Imbach) absetzen. In allen Bereichen der Produktion führe ein ängstliches Beharren auf den professionellen Anspruchen zu mehr Nachteilen als Vorteilen, weil dies oft eine unflexible Haltung mit sich bringe, mit der man sich auf eine vorgefundene Situation nicht angemessen anpassen könne. Sie bevorzugen deshalb, was sie "relaxed shooting" nennen, drehen mit einem möglichst kleinen Team (zwei Personen gelten bereits als Maximum), scheuen die übereffiziente Organisation, entsagen sich jeder Art von Inszenierung und pflegen das "produktive Herumhängen". Ihr aktuelles Projekt mit dem Arbeitstitel "Kids" (späterer definitiver Titel Ghetto /red) handelt vom Alltag und den Träumen von Jugendlichen eines wohlhabenden Zurcher Vororts. Wahrend rund neun Monaten suchten Imbach und Hassler regelmässig die heranwachsenden Kids auf und begleiteten sie in ihrer Freizeit, in der Schule und im Elternhaus "Wir haben nur noch selten mit unseren Protagonisten einen Termin zum Drehen angemacht. Wir haben sie einfach aufgesucht. Manchmal ist dabei etwa entstanden und manchmal auch nicht. Das hat uns gelernt zu warten, oder eben: herumzuhängen", beschreibt Regisseur Imbach die Arbeitsmethode. Und er prazisiert: "Es war aber ein bewusstes, oder man kann auch sagen gezieltes Herumhängen, das immer wieder zu sehr guten Situationen geführt hat, weil wir dann plötzlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren."

Als die beiden Filmemacher mit der kleinen Consumer Kamera (zuerst noch Hi8 und später mit einer der ersten erhältlichen digitalen Handycams von Sony) bei den Jugendlichen auftauchten, staunten diese nicht schlecht, denn erwartet hatten sie ein Filmteam mit professioneller Ausrustung. "Sie haben uns gar nicht richtig ernst genommen", erzählt Jürg Hassler und beschreibt dies aber eher als Vorteil denn als Nachteil: "Es gab deshalb zwischen den Jugendlichen und uns nicht dieses grosse Gefälle, das sich üblicherweise einstellt, wenn sich die Filmcrew hinter zuviel Technik versteckt," erzählt der Kameramann und Cutter, der bereits in Imbachs Film Well Done für ausserordentliche Bilder und für einen verblüffenden Schnitt gesorgt hatte und auch bei Richard Dindos A Season in Paradise für die Videokamera verantwortlich zeichnete. "Die kleinen Kameras ermöglichen ein viel natürlicheres Verhältnis zwischen Filmenden und Gefilmten, weil sich heutzutage fast alle an diese Geräte gewohnt haben," ist Hassler überzeugt. Imbach ergänzt, dass sich die Jugendlichen aber trotzdem bewusst gewesen seien, dass sie gefilmt wurden, denn versteckt hätten sich die Filmemacher nie, im Gegenteil: "die Methode, die wir anwenden, ist vielmehr von nahem Heranrücken gepragt. Wer mit unserem Arbeitsstil nicht vertraut ist, würde da vermutlich schon von Aufdringlichkeit sprechen", meint Imbach, der im guten persönlichen Verhältnis zwischen Filmenden und Gefilmten den Schlüssel für ein Resultat sieht, das unter die Oberfläche vordringen kann.

Nah- und Grossaufnahmen dominieren denn auch das Material, das die Zürcher Filmemacher von ihren Streifzugen in die Welt der Jugendlichen zurückbringen. Die Amateurobjektive der kleinen Handys erlauben einen stufenlosen Übergang in den Makrobereich, und es ist genau dieses "auf-den-Leib-rücken", das Erfassen der Oberflächentextur, das die beiden Filmemacher an der Miniaturtechnik besonders fasziniert. Bereits in Well Done hatten Grossaufnahmen von Gesichtern, Händen, kleinen alltäglichen Gesten und Handgriffen die Filmsprache dominiert. Dass bei dieser Methode die Räumlichkeit verloren geht und in gewissem Sinne eine Entkörperlichung stattfindet, liegt in der Absicht der Autoren. Ihr Ziel ist die Fragmentisierung der Realität, die dann in der assoziativen Montage neu zusammengebaut wird. "Wir arbeiten mit Versatzstücken der Realität und konstruieren daraus eine neue, künstliche Realitat" erklärt Thomas Imbach. Ergänzt werden die Video-Nahaufnahmen mit Bildern im 35mm Format, die auf einer zweiten Ebene des Films, mit der Betonung der Totalen, jene Räumlichkeit hinzufuügen, die der Videoebene fehlt. Damit ist jedoch nicht der identische Raum der Videosequenzen gemeint, sondern ein übergeordneter Raum: Die Lebensumgebung der gefilmten Personen wird durch die Filmbilder atmosphärisch verdichtet. Die Arbeit mit den zwei Bildebenen führt zur Anwendung von zwei Technologien, die im Minimum dreissig Jahre auseinander liegen. Neben der neuesten Digitaltechnik wird die ungeblimpte Veteranin der 35mm Kameras angewendet: die Arri IIC — stilistisch angemessen montiert auf einem alten Holzstativ. Das altehrwürdige Präszionsding ist kostengünstig und deshalb ebenso flexibel einsetzbar wie die neuen Handys. Allerdings ergibt sich hier in zwei Punkten ein klarer Widerspruch zu den Thesen der einfallsreichen Filmer. Erstens ist die 35mm Kamera schwerer als zwei Kilos und zweitens wird sie mit Stativ eingesetzt. Doch diese Verletzung der eigenen Grundsätze vergeben sich Imbach und Hassler grosszügig, denn hier geht es um eine andere-Ebene, um eine andere Kategorie. Thomas Imbach sagt denn auch, dass er sich ohne den Einsatz von Film, sein Projekt nicht vorstellen konne. Die Ebene der hochauflösenden Bilder seien eine unabdingbare Ergänzung zu den Nahaufnahmen der Videobilder. Wahrend das 35mm-Format gezielt und sparsam eingesetzt wird, geben sich Imbach und Hassler beim Drehen mit DV der Masslosigkeit hin, wobei sie auch hier das Adjektiv "bewusst" hinzugefügt haben wollen. Imbach erklärt dies so: "Unser Ziel ist es, komplexe Filmfiguren zu kreieren ohne Interviews zu verwenden. Dies erreichen wir durch eine Verdichtung des authentischen Filmmaterials". — Bewusste Masslosigkeit, das bedeutet im Falle ihres aktuellen Projektes 120 Stunden abgedrehtes Material. Eine solche Menge ist nur mit einer ausgedehnten Schnittzeit zu bewältigen. Dabei räumen die beiden ein, dass sie diesmal "an die Grenze des Bewältigbaren" (Imbach) vorgestossen seien. Nach einer Vorsortierung des Materials auf S-VHS arbeitet Regisseur Thomas Imbach mit seinem Kameramann und Cutter in Personalunion, Jürg Hassler, auf einem nonlinearen Schnittsystem. In einer späteren Phase werden sie die definitiv ausgewählten Sequenzen auf Film transferieren und den Feinschnitt am 35mm-Schneidetisch zu Ende führen. Die eigentümliche Vermischung von konventionellen und modernsten Arbeitsmethoden zeigt sich auch im Detail: Bei der Arbeit am Computer benützen sie Karteikasten aus Holz. Diese sind gefüllt mit insgesamt 5000 Videoprints, die auf die Sequenzen des gedrehten Materials verweisen und als schnell zugreifbares Nachschlagesystem dienen. Insgesamt beurteilen Imbach und Hassler den Einsatz der digitalen Handycams als eigentliche Erlösung, weil sie das neue DV-Format insgesamt als viel robuster einschätzen. Beim heiklen und diffizilen Hi-8-Format, sei man die Angst nie ganz losgeworden, dass eine gute Sequenz wegen technischen oder mechanischen Fehlern plötzlich unbrauchbar werden könne. Wie viele andere Dokumentaristen, die mit der Handycam von Sony schon Erfahrung gesammelt haben, beschreiben auch sie den Farbsycher als Hauptnachteil und bemängeln, dass das eingebaute Mikrofon von schlechter Qualitat sei. Jürg Hassler bemerkt zusätzlich, dass ihm die digitale Handycam im Vergleich zu früher eingesetzten Hi8-Camcordern "schon fast ein bisschen zu gross" sei.

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SHORT CUTS / ABKÜRZUNGEN              > TOP

Die folgenden Thesen für ein FOCAL-Seminar entstanden während den Dreharbeiten für GHETTO (beim Warten auf die Kids):


* Der Dokfilm kann DIE Wirklichkeit nicht festhalten, er muss eine neue schaffen.

* Der Dokfilm muss wegkommen vom Dokfilm, der sich im Dokument definiert.

* Mit jedem Film Film erfinden.

* Der Spielfilm ist tot, der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Film.

* Benütze billigstes Material, aber von bester Qualität.

* Die innovativste Technik wird im Amateurbereich entwickelt: handy, steady, auto.

* Absoluter Abbau von Organisation, produktives Herumhängen.

* Absoluter Stellenabbau, cinéma copain.

* Es gibt keine Überstunden.

* Das wertvollste Kapital - die Zeit - effizient einsetzen, auch beim Herumhängen.

* Zeit kann man nicht verlieren.

* Technische Autonomie bei allen künstlerischen Arbeitsvorgängen.

* Absolute Professionalität im ganzen Postproduktionsbereich.

* Masslos drehen, so masslos dass der Schmerz des Verlustes beim Schnitt nicht mehr spürbar ist.

* Alles über zwei Kilos abwerfen; Kameras, Stative, Licht Kisten.

* Das Weiss eines Augapfels im Mondschein reicht aus.

* Der Wald spürt, dass wir ihn filmen.

* Den Leuten genauestens auf die Schuhe oder Finger schauen.

* Assoziatives Vorgehen ist professionell.

* Immer einen Zacken zulegen.

* Es gibt keine Trennung zwischen vor und hinter der Kamera.

* Keine versteckte Kamera, statt Diskretion mit der Kamera auf den Leib rücken.

* Vermeide Interviews und Kommentare.

* Habe keine Angst, bei laufender Kamera einzuschlafen.

* Enthusiastisch, dilettantisch, beflügelt ohne zuviel Gepäck drehen; aber professionell, cool, erbarmungslos schneiden.

* Versuche, alles selber zu machen.

* Trau keinem, der sagt: "das kann man nicht".

* Trau keinem, nur weil er sich als Profi ausweist.

* Arbeite erst mit Profis, wenn du glaubst, alles selber zu können.

* Der Film schneidet sich von selbst.

* Brauche Schnittverstärker: mache deine Schnitte sichtbar.

* Es gibt immer nur einen richtigen Schnitt.

* Arbeite immer wieder mit dem ganzen Material.

* Noch einen Zacken zulegen.

* Nutze deine Fehler, vertusche sie nicht.

* Apriori gibt es keine Fehler. Fehler sind die beste Auffrischung.

* Nicht immer die alten Fehler wiederholen, sondern immer neue machen.

* Es gibt keine Abkürzungen.

 

Imbach/Hassler 11/95

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DOX #18 / August 1998

© by DOX / EUROPEAN DOCUMENTARY NETWORK.

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